Volkstrauertag 13.11.2011 in Eschenau – Feier am Ehrenmal



Ansprache von Pfr. Johannes Veller



Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
 
neulich habe ich in einem Gespräch den Satz gehört: der VdK hat Nachwuchssorgen. Dem Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands fehlen jüngere Mitglieder. Der Satz ist mir nachgegangen. Ist das eigentlich eine gute oder eine schlechte Nachricht?
 
Bei jedem anderen Verein oder Verband ist man doch geneigt zu sagen: Nachwuchs ist gut. Junge Leute zu gewinnen muss ein großes Ziel sein!
 
Aber beim VdK? Muss man nicht andersherum denken und sagen: Gott sei Dank hat der VdK keinen Nachwuchs! Gott sei Dank sterben die letzten Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen bald aus! Wünschen sollten wir doch eigentlich, dass es ein solches Hilfswerk nie wieder braucht in Deutschland, oder?

Nun weiß ich natürlich, dass sich die Arbeit des VdK in den letzten Jahrzehnten verschoben und erweitert hat zum Sozialverband, dass es heute auch um Renten-, Gesundheits- und Sozialpolitik geht bis hin zu Bioethik und Patientenrechten. Insofern brauchen wir den VdK auch in unserer Zeit, auch 66 Jahre nach dem Ende des letzten Krieges in Deutschland.
 
Aber bleiben wir trotzdem mal bei diesem reizvollen Gedanken: Den Kriegsopfern, ja dem Krieg selber würde der Nachwuchs fehlen!
Es gab diese Vorstellung unter uns. Es gab einen breiten Konsens unter der Bevölkerung, zusammengefasst in den Worten: nie wieder Krieg! Nie wieder soll von deutschem Boden Krieg ausgehen.
Und es gab in der Folge große gesellschaftliche Debatten darum: Bei der Frage der Wiederbewaffnung Deutschlands, bei der Frage der Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen, zuletzt als Teil der Debatte um die Wehrpflicht. Vor allem aber bei den Fragen um die Beteiligung deutscher Soldaten bei militärischen Einsätzen außerhalb Deutschlands.
 
Zum Beispiel um die Frage, ob man das, was in Afghanistan geschieht, in der Heimat Krieg nennen darf. Die Soldaten dort wissen es schon lange. Auf einmal heißt es nicht mehr „Nie wieder Krieg“, sondern: „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“.
 
Deutschland hat für seine Enthaltung in der UNO, als es um den Einsatz in Libyen ging, viel Kritik einstecken müssen. Auch die Presse hat die Nichtbeteiligung weitgehend als großen Fehler bezeichnet.
 
Bei vielen öffentlichen Äußerungen geht es allerdings erkennbar um den politischen Einfluss und eher wirtschaftliche Fragen, wird z. B. betont, dass Frankreich jetzt viel besser im Geschäft sei.
Lassen wir das mal beiseite. Das ist Tagespolitik mit durchsichtigen Interessen.
 
Viel wichtiger ist doch die grundsätzliche Frage: Muss man nicht einer Zivilbevölkerung militärisch zur Seite springen, wenn sie bedroht wird, und sei es vom eigenen Machthaber?
Krieg also sozusagen als Hilfseinsatz, der auch Opfer in Kauf nimmt?
Wer das bejaht, muss genau hinsehen. Zum einen gibt es mehr Länder auf der Welt, deren Bevölkerung in Unfreiheit lebt, als wir uns eingestehen. Was für Libyen gilt, gilt auch für Syrien, den Jemen, die meisten Länder Afrikas und Asiens und für viele Ländern auf allen Kontinenten.
 
Meine Frage ist grundsätzlich: Kann man Frieden bringen mit Krieg? Kann man Freiheit schaffen mit Gewalt? Wir sehen, dass alle Auslandseinsätze länger gehen als geplant, dass sie größer werden als gewünscht und teurer sowieso.
 
Mir will kein Beispiel einfallen, wo ein solcher Einsatz wirklich geendet hat, weil er erfolgreich war. Meist enden diese Einsätze aus Erschöpfung und Geldnot und am Ende geht es nur noch darum, beim Abzug das Gesicht zu wahren.
 
Ich denke, die grundsätzliche Frage hat etwas mit Würde zu tun. Muss ein Volk nicht auch die Würde haben, seinen Diktator selber zu vertreiben? Seine Werte selbst zu erarbeiten und zu verteidigen? Seine Staatsform selbst zu bestimmen? Geht es überhaupt anders? Ein Unrechtsregime wegzubomben ist das eine. Ein funktionierendes Staatswesen aufzubauen, das sich auf Frieden und sozialen Ausgleich stützt, ist das andere. Wissen wir immer, wen wir unterstützen, wenn wir der Revolution militärisch auf die Füße helfen?
 
Manche mögen meine Fragen für zynisch halten, aber ich glaube, dass Solidarität, politische und diplomatische Unterstützung und vor allem wirtschaftliche Gerechtigkeit die größten Hilfen sind, die wir unterdrückten Völkern liefern können. Waffenlieferungen gehören nicht dazu. Und vergessen wir nicht, dass wir in vielen Fällen die Diktatoren gestern noch hofiert haben.
 
Als 1989 in Deutschland die Mauer fiel, war es allein die innere Kraft der Menschen gewesen, die ein Unterdrückungssystem in die Knie gezwungen hat. Manchmal muss erst die Zeit kommen, dass ein solches System sich selbst aushöhlt. Dann erst können sich andere Werte Bahn brechen. Und ein Volk kann stolz sein, etwas Neues geschaffen zu haben aus eigener Kraft. In eigener Würde.
 
Deutschland wurde das geschenkt 1945. Damals leider nur über den riesigen Totenfeldern. Aber es war Deutschland selbst gewesen, das diese Geister gerufen hatten.
 
Die Generation derer, die das erlebt hat, muss ihre Stimme erheben. Die, die es nicht mehr erlebt haben, muss hinschauen. Genau hinschauen und daraus lernen. Muss lernen aus den Namen derer, die auf dieser Tafel stehen. Muss die Gräber pflegen auch der namenlosen Toten. Diese Aufgabe ist unverzichtbar und sie brauch die junge Generation. Der VdK und auch der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge, sie brauchen Nachwuchs. Unbedingt.